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Ratten in der Stadt: warum es mehr werden

Mehr Rattenmeldungen heißt nicht automatisch mehr Ratten. Was Berliner Zahlen zeigen, welche fünf Ursachen Städte nennen und was das Radar daraus macht.

Lesezeit etwa 8 Minuten · Stand 08.10.2026

Stadtplatz bei Nacht mit überfülltem Abfalleimer und einer Ratte neben der Bank
Illustration, keine Abbildung zur Artbestimmung.

Das Wichtigste in Kürze

  • Keine Stadt zählt Ratten. Gezählt werden Meldungen und Bekämpfungsmaßnahmen, und die hängen davon ab, wie leicht gemeldet werden kann und wie genau hingesehen wird.
  • Berlin dokumentierte 2024 rund 8.500 abgeschlossene Bekämpfungsmaßnahmen, deutlich weniger als 2018, aber mehr als 2020. Einzelne Bezirke melden 2025 wieder deutliche Zuwächse.
  • Die Ursachen sind überall dieselben: zugängliche Essensreste und Abfälle, Baustellen, Vogelfütterung und Tierhaltung, offene Gebäudezugänge und die schnelle Vermehrung der Wanderratte.
  • Seit 2026 dürfen Privatpersonen kein Rattengift mehr anwenden. Ob das die Zahlen verändert, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen.

Ob es in deutschen Städten wirklich mehr Ratten gibt, kann niemand mit Zahlen belegen, weil keine Behörde Ratten zählt. Gezählt werden Meldungen und abgeschlossene Bekämpfungen. Diese Zahlen steigen in einigen Städten, in anderen schwanken sie, und sie hängen stark davon ab, wie leicht Bürger melden können. Trotzdem lässt sich sagen, warum Ratten in Städten gut leben und wo es mehr werden kann. Dieser Artikel zeigt, was belegte Zahlen hergeben, welche Ursachen Städte nennen und was das Radar daraus macht.

Was die Zahlen hergeben

Die beste öffentlich zugängliche Zeitreihe stammt aus Berlin. Auf eine Anfrage im Abgeordnetenhaus hat der Senat im Juli 2025 die abgeschlossenen und an das Landesamt für Gesundheit und Soziales gemeldeten Rattenbekämpfungsmaßnahmen je Jahr genannt:

Jahr2018201920202021202220232024
Bekämpfungsmaßnahmen11.41410.3097.0717.7408.2047.9818.547

Die Kurve ist also kein Dauerangstieg. Von 2018 bis 2020 ging es deutlich nach unten, danach pendelt der Wert um 8.000, mit einem leichten Anstieg 2024. Der Senat schreibt dazu wörtlich, dass aus den absoluten Meldezahlen keine Rückschlüsse auf die tatsächliche Größe und die zeitliche Entwicklung der Rattenpopulation gezogen werden können; die Daten seien lediglich ein Indikator dafür, wie viele Bekämpfungsmaßnahmen durchgeführt wurden. Gleichzeitig meldete das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg für das erste Halbjahr 2025 rund 30 Prozent mehr erfasste Rattenvorgänge als im ersten Halbjahr 2024, und das Bezirksamt Mitte spricht von einer seit Jahren sehr hohen Population, die zu steigen scheine, mit multifaktoriellen Ursachen.

Das ist der realistische Stand: Es gibt Stadtteile, in denen es spürbar mehr wird, und Jahre, in denen die Gesamtzahl sinkt. Wer von einer bundesweiten Rattenschwemme spricht, hat dafür keine Zahl.

Warum Meldungen steigen, ohne dass es mehr Ratten gibt

Drei Dinge treiben Meldezahlen unabhängig von der Zahl der Tiere. Erstens der Meldeweg: Wo eine Stadt eine App oder ein Online-Formular anbietet, wie Dortmund mit dem Mängelmelder seit 2024, kommen mehr Hinweise an als per Brief ans Amt. Zweitens die Aufmerksamkeit: Nach einem Zeitungsbericht über Ratten im Park melden Menschen Tiere, die sie vorher übersehen haben. Drittens die Anzeigepflicht: In Berlin und Hamburg ist Rattenbefall zu melden, und je besser diese Pflicht bekannt ist, desto mehr Vorgänge entstehen.

Der Senat weist noch auf einen vierten Effekt hin: Nachmeldungen fließen laufend in die Statistik ein, sodass sich Jahreswerte im Nachhinein leicht verschieben. Zahlen aus verschiedenen Städten lassen sich außerdem kaum vergleichen, weil die eine Stadt Meldungen zählt, die andere abgeschlossene Bekämpfungen.

Fünf Gründe, warum es wirklich mehr werden kann

Essensreste und Abfälle. Die Wanderratte ist ein Kulturfolger und lebt nach Angaben des Umweltbundesamts von Müll, Speiseresten, Vorräten und Tierfutter; Speisereste aus der Toilette sind eine Nahrungsquelle im Kanalnetz. Wo Tonnen offen stehen, Müllsäcke neben dem Container liegen oder Essensreste vom Imbiss auf dem Boden landen, wächst das Rudel. Der Anlass der Berliner Anfrage waren übrigens Mülltonnen ohne Bodenstopfen, durch die Ratten an den Inhalt kamen. Am Hermannplatz in Neukölln hat das Bezirksamt 2026 per Allgemeinverfügung das Füttern von Tieren und die offene Lagerung von Abfällen untersagt, weil die Dauerbeköderung am Nahrungsangebot des Wochenmarkts gescheitert war.

Baustellen und Kanalarbeiten. Ratten leben in Kanälen, Kellern und Hohlräumen. Jede Sanierung verdrängt sie, und sie tauchen dort auf, wo vorher keine waren. Das erhöht Sichtungen und Meldungen auch dann, wenn die Zahl der Tiere gleich bleibt. Mehr dazu unter Ratten in der Kanalisation.

Vogelfütterung und Tierhaltung. Dortmund nennt Winterfütterung von Vögeln und Tierhaltung mit ständig verfügbarem Futter im Freien als häufige Ursache. Hühner, Kaninchen und Pferde ziehen Ratten an, wenn das Futter offen steht. Wer am Teich Enten füttert, füttert nachts die Ratten mit.

Offene Gebäude. Das Umweltbundesamt beschreibt, dass Wanderratten häufig über Kellerfenster und defekte Kanalanschlüsse in Gebäude eindringen und zwischen Kanal und Haus wechseln. Alte Bausubstanz, fehlende Gitter und Rohrdurchführungen ohne Abdichtung sind in dicht bebauten Vierteln die Regel. Welche Stellen am Haus betroffen sind, steht unter Löcher am Haus verschließen.

Die Biologie. Ein Weibchen bringt laut Umweltbundesamt bis zu sechsmal im Jahr durchschnittlich acht Junge zur Welt, die nach etwa zwei Monaten geschlechtsreif sind. Ausgewachsene Tiere messen 19 bis 30 Zentimeter ohne Schwanz und wiegen bis zu 500 Gramm. Wildlebende Ratten werden kaum älter als ein Jahr. Das Rudel wächst, solange Futter und Platz reichen, und schrumpft, sobald beides knapp wird. Deshalb wirkt jede Maßnahme am Futter stärker als jede Falle.

Was sich 2026 geändert hat

Seit dem 1. Juli 2026 dürfen Antikoagulanzien nur noch geschulte berufsmäßige Verwender anwenden. Privatpersonen konnten solche Produkte laut Stadt Dortmund bis zum 25. April 2026 kaufen und dürfen Restbestände bis zum 22. Oktober 2026 aufbrauchen; danach bleiben ihnen mechanische Fallen und der Fachbetrieb. Gleichzeitig ist die Dauerbeköderung ohne nachgewiesenen Befall weggefallen. Beide Änderungen verändern, wie in Städten bekämpft wird: gezielter nach Befall, mehr Monitoring ohne Gift, weniger Gift im Umlauf.

Ob das die Zahl der Ratten verändert, ist offen. Wo Köder bisher ein großes Nahrungsangebot nur abgefedert haben, wird sich wenig ändern, denn das Futter ist die Ursache. Wo Privatleute bisher mit Gift aus dem Baumarkt kleine Befälle still gehalten haben, kann es sichtbarer werden. Seriös lässt sich das erst mit den Jahreszahlen 2027 und 2028 bewerten.

Wo Ratten in der Stadt leben

Typische Orte nennt das Umweltbundesamt: Kanalisation, Tierställe, Keller, Müllplätze, lebensmittelverarbeitende Betriebe, Speicher, Büro- und Wohngebäude. In naturbelassenen Lebensräumen kommt die Wanderratte kaum vor; sie braucht den Menschen. Die Tiere sind meist nachtaktiv, laufen an Wänden entlang, schwimmen und klettern gut. Ratten am Tag sind deshalb ein Warnzeichen, siehe Rattenplage: wann spricht man davon.

Für Bäche, Böschungen und Uferwege gilt dasselbe wie für den Kanal: Wasser, Deckung und Futter liegen nah beieinander. Hier verschwimmt die Zuständigkeit zwischen Stadt, Wasserverband und Anlieger; wer meldet, sollte die Lage genau beschreiben.

Was das Radar daraus macht

Das Radar zählt keine Tiere, sondern Meldungen, und sagt das auf jeder Seite. Es zeigt je Postleitzahl, Stadt und Kreis, wie oft in 7, 30 und 90 Tagen gemeldet wurde, und einen Trend erst ab einer Mindestzahl von Meldungen, damit aus drei Sichtungen kein Prozentwert wird. Damit lässt sich erkennen, ob eine Straße gerade auffällt, lange bevor eine Stadt ihre Jahresstatistik veröffentlicht. Die aktuelle Lage steht offen für alle, die Vorwarnung per E-Mail meldet sich, wenn es in Ihrer Gegend mehr wird.

Die Meldung im Radar ersetzt die Meldung an die Stadt nicht. Welche Stelle in Ihrer Stadt zuständig ist und ob eine Pflicht gilt, steht unter Ratten melden: Pflicht und Stellen. Wer beides tut, hilft der Behörde bei der Bekämpfung und den Nachbarn bei der Vorbeugung.

Rechtslage auf einen Blick

  • § 2 Nr. 12 Infektionsschutzgesetz: Ratten sind Gesundheitsschädlinge, weil sie Krankheitserreger auf Menschen übertragen können.
  • § 17 Abs. 2 Infektionsschutzgesetz: Bei festgestelltem Befall und Gefahr der Verbreitung von Erregern ordnet die Behörde die Bekämpfung an, einschließlich Maßnahmen gegen Vermehrung und Verbreitung.
  • Antikoagulanzien dürfen seit dem 1. Juli 2026 nur noch geschulte berufsmäßige Verwender einsetzen; Privatpersonen können Restbestände bis zum 22. Oktober 2026 aufbrauchen.

Häufige Fragen

Gibt es in Deutschland mehr Ratten als früher?

Das weiß niemand genau, weil Ratten nicht gezählt werden. Der Berliner Senat stellt ausdrücklich fest, dass sich aus den Meldezahlen keine Rückschlüsse auf die Größe der Population ziehen lassen. Was sich belegen lässt, sind Meldungen und Bekämpfungsmaßnahmen, und die schwanken je Jahr und je Stadtteil erheblich.

Warum melden manche Stadtteile so viel mehr als andere?

Dichte Bebauung, Märkte, Gastronomie, Bahnhöfe, viele Mülltonnen auf engem Raum und alte Kanalnetze bieten Futter und Verstecke. In Berlin lagen 2025 die Bezirke Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg vorn. Dazu kommt, dass dort mehr Menschen hinsehen und melden.

Wie viele Junge bekommt eine Ratte im Jahr?

Nach Angaben des Umweltbundesamts bringt ein Weibchen bis zu sechsmal im Jahr durchschnittlich acht Junge zur Welt, die nach etwa zwei Monaten selbst geschlechtsreif sind. Wildlebende Tiere werden meist kaum älter als ein Jahr. Ob ein Rudel wächst, entscheidet fast nur das Futter.

Macht das Giftverbot für Private die Lage schlimmer?

Das ist offen. Die Umstellung seit 2026 betrifft vor allem die Dauerbeköderung ohne Befall und die Abgabe an Privatpersonen. Fachbetriebe dürfen weiter mit zugelassenen Ködern arbeiten, wenn ein Befall vorliegt. Städte wie Dortmund raten Privatpersonen zu Schlagfallen und bei stärkerem Befall zum Fachbetrieb.

Was zählt das Radar?

Meldungen je Postleitzahl, Stadt und Kreis für 7, 30 und 90 Tage, dazu einen Trend ab einer Mindestzahl von Meldungen. Es zählt keine Tiere und ersetzt keine Behördenstatistik. Der Wert liegt darin, dass Häufungen schnell sichtbar werden, bevor die Stadt ihre Jahreszahlen veröffentlicht.

Quellen

Fachliche Quellen

Zahlen und Rechtslage zuletzt geprüft am 08.10.2026. Keine Rechtsberatung: Bei Fragen zu Genehmigungen und Bußgeldern entscheidet die zuständige Behörde Ihrer Stadt.

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